EIN BLICK IN DIE PRAXIS

EINE BUNTE MISCHUNG

D as Zirkuszelt des Zirkus Giovanni ist Teil des Don Bosco Jugendwerks. Hier leben derzeit über siebzig Kinder und Jugendliche in heilpädagogischen und therapeutischen Tages- und Wohngruppen. Seit 1995 arbeiten wir mit den jungen Menschen auf der Zirkusmanege und entwickeln modellhaft zirkuspädagogische Ansätze, in denen Zirkus heilpädagogische und therapeutische Wirkung entfaltet. Unsere Arbeit stellt uns und unsere Trainerteams aufgrund der Heterogenität der Gruppen häufig vor große Herausforderungen. Die jungen Artisten bringen zum Teil erhebliche individuelle Problemlagen, Ängste und Hemmnisse mit ins Zirkuszelt. Uns begegnen bei Kindern und Jugendlichen immer wieder: Angst vor Kontaktaufbau, wenig soziale Erfahrung, geringe Frustrationstoleranz, ADHS, geringes Selbstwertgefühl, Misstrauen vor unbekannten Situationen und Personen, geistige, seelische und motorische Beeinträchtigungen sowie aggressive und impulsive Verhaltensweisen. Gleichzeitig begrüßen wir in unseren inklusiven Settings auch Kinder und Jugendliche mit offenem und uneingeschränktem Trainingszugang. In der Kleingruppenarbeit wird die Brisanz dieser Unterschiedlichkeit schnell spürbar. Die Bedürfnisse der Teilnehmer:innen weichen mitunter stark voneinander ab. Kinder mit großen Problemen im Beziehungsaufbau benötigen beispielsweise einen Schonraum und bevorzugen anfangs eher Einzelübungen oder eine aufs Trainingsrequisit fokussierte Anleitung. Gemeinsame Etüden mit anderen Kindern und Choreografiearbeit mit der ganzen Gruppe müssen sehr behutsam eingeführt werden. Bei vielen Kindern funktioniert die Anleitung ganz gewöhnlich über verbale Kommunikation. Andere sind aufgrund kognitiver Einschränkungen auf dieser Ebene überfordert und reagieren eher auf assoziative Trainingsanreize wie Musik oder Requisiten mit starkem Aufforderungscharakter. Einige benötigen bei der Erlernung neuer Bewegungsformen immer wieder taktile Unterstützung durch Berührungen und bewegungsgeführte Steuerung durch unsere Anleitung. Gleichzeitig hat jeder junge Mensch ein Recht auf für ihn angemessene Trainingsinhalte, die ihn weder überfordern noch unterfordern. Dadurch dividieren in manchen Gruppen die einzelnen Bedürfnisse und Trainingsniveaus sehr stark. Jedes Kind benötigt einen individuellen Trainingsansatz. Gleichzeitig sollen die Teilnehmer:innen bei aller Individualität zu einer eigenmächtigen, selbstbestimmten und kreativen Gruppe herangeführt werden. Dies stellt große Herausforderungen an die pädagogische Kompetenz, Spontanität und Flexibilität unseres Trainingsteams. Die Mehrheit der erwachsenen Anleiter:innen im Zelt hat neben zirkuspädagogischer Aus- oder Fortbildung eine pädagogische Grundausbildung oder ein Studium in Sozialpädagogik, Erziehungswesen, Heilpädagogik und/oder Heilerziehungspflege. Zusätzliches Kow How bringen die pädagogischen und psychologischen Fachdienste der Einrichtung. Teamberatung nach jedem Training ist uns wichtig und Standard. Als hilfreich haben sich unter anderem folgende methodische Prinzipien erwiesen.

DER WEG IST DAS ZIEL

I m Fokus unserer Zirkusarbeit steht nicht die artistische Fortbildung und Leistung sondern vielmehr die ganzheitliche Förderung von Kindern und Jugendlichen. Die gemeinsame artistische Arbeit und Entwicklung einer Show sind nur das Medium für die eigentlichen pädagogischen Ziele. Fühlt sich jeder junge Mensch wohl und integriert? Erlebt sich jeder einzelne als „selbstwirksam“, als kompetent und erfolgreich? Welche sozialen Kompetenzen beherrschen die Kinder schon? Wo brauchen sie noch Unterstützung und Impulse? Die beabsichtigte spätere Aufführung muss sich diesen Zielen und Gruppenprozessen unterordnen. Auch die Kinder und Jugendlichen werden an dieser pädagogischen Haltung beteiligt. Der Leitsatz „Jede:r ist beteiligt und fühlt sich wohl in der Gruppe“ wird immer wieder von allen kontrolliert. Notfalls wird der Trainingsprozess unterbrochen und mit den jungen Artist:innen geklärt, wie auftretende Unzufriedenheiten beseitigt werden können. Auch Teamspiele und Kooperationsaufgaben helfen uns, eine motivierte Gemeinschaft im Zelt zu bilden sowie eine konstruktive Trainingsatmosphäre, in der jede:r gleich wichtig ist und in der sich alle gegenseitig unterstützen.

KINDER AN DIE MACHT

D ie Kinder werden angehalten, selbst darauf zu achten ob alle integriert sind und sollen eigene Lösungen für Probleme finden. Zum Beispiel: „Glaubt ihr, Daniel hat mitbekommen, wo ihr Euch auf die Bühne stellen wollt?“ „Versucht doch mal, ihm Eure Vorschläge zu vermitteln ohne zu sprechen.“ Diese Pädagogik des „Empowerment“ gibt die Entscheidungs- und Handlungsgewalt in vielen Situationen an die jungen Menschen. Wir verstehen uns als Assistenz, die die jungen Menschen begleitet und Wege aufzeigt, wie sie selbst Dinge klären, regeln und organisieren können. Diese Herangehensweise beinhaltet gleichzeitig die Einbeziehung aller unterschiedlicher Eigenschaften, Verhaltens- und Denkweisen. Gegenseitige Akzeptanz, Unterstützung und die Anerkennung des Anders-Seins sind in diesem Zusammenhang wichtige Ziele der heilpädagogischen Zirkusarbeit.

FÜR JEDES KIND DIE EIGENE BRILLE

H eilpädagogische Zirkusarbeit nutzt die intrinsische Motivation der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen. Wir als Anleitende müssen uns mitunter von traditionellen Disziplin- und Lehrwegvorstellungen verabschieden und individuelle Vorstellungen und Interpretationen der Kinder zulassen. Manchmal wird ein Drehteller zum „Wurf-Ufo“ und ein Jonglierball zum Rollobjekt einer Kugelbahn. Haben die Trainer:innen den Mut sich der Lust des jungen Menschen an dieser Neuinterpretation anzuschließen, begeben sich beide auf einen neuen Weg voller Spiel, Spaß, Kreativität und Energie und oftmals authentischen und verblüffenden Aufführungsergebnissen. Die Eigenmotivation der jungen Menschen ist ein wichtiger Motor für den Trainingsfortschritt. Beharrt die Anleitung hingegen auf den eigenen Trainingsweg können Frustration, Enttäuschung und Energieabbau des Teilnehmenden die Folge sein. Im schlimmsten Fall droht der Abbruch des Zirkusbesuchs.

ECHT STARK: JEDER MENSCH

A ufgabe der Pädagogik in unserem Zelt ist es, die in jeder Person vorhandenen Stärken, Ressourcen und Handlungspotentiale zu entdecken und zu fördern. Insbesondere benachteiligte Kinder und Jugendliche wollen und sollen über ihre Stärken definiert werden. Ressourcenorientierung stellt die Stärken (Ressourcen) in den Mittelpunkt und nicht die Defizite. Konsequentes ressourcenorientiertes Arbeiten vermeidet daher defizitäre Beschreibungen von Denk- und Handlungsmustern und sucht nach Zugängen des Verstehens, auch und gerade solcher Verhaltensweisen, die als problematisch beschrieben und etikettiert werden. In diesem Denken gibt es im Unterschied zur Sportdidaktik, z.B. keine richtigen und falschen Bewegungen (durchaus aber ungesunde oder gefährliche). Wenn wir zum Beispiel sehen, dass ein Kind mit einer angelernten oder vorgeschlagenen Bewegung die 3-Ball Jonglage oder das Diabolo Antreiben nur sehr schwer erlernen wird, kommt niemals der Satz: „Die richtige Bewegung geht aber so!“. Therapeutisch vorbelastete Teilnehmende reagieren oftmals sehr sensible auf Negativzuschreibungen. Daher wertschätzen wir jede bereits gelernte Bewegung und jeden Vorschlag, zum Beispiel: „Interessant. So hab ich das noch nie ausprobiert! Ich versuche das jetzt auch mal“ „Und jetzt versuche mal meine Idee. Die hat mir sehr geholfen um das Jonglieren zu lernen“. Bei älteren Jugendlichen lassen sich zielführende Bewegungen auch gut auf der Sachebene gemeinsam erklären und analysieren („Unser Gehirn speichert Bewegungen ähnlich wie ein Computer. Gleichbleibende Bewegungen werden vor allem durch stete Wiederholung gespeichert und verfestigt…“) Auf diese Weise versuchen wird den Kindern stets mit motivierender Wertschätzung zu begegnen und gleichzeitig Vorbild zu sein für den positiven und verständnisvollen Umgang mit der Verschiedenheit der Teilnehmer:innen. Immer wieder scheitern wir auch mal auf dem Weg die unterschiedlichen Bedürfnisse „unter einen Hut“ zu bekommen. Und mitunter sind wir weit entfernt vom perfekten Training, erleben eine Trainingseinheit sogar als unstrukturiert oder als völliges Chaos. Manchmal sind wir dann erstaunt, wenn die Kinder gerade nach so einem Training schwärmen, "wie toll es heute war“. Die wertvollste Erfahrung führen uns immer wieder die Kinder und Jugendlichen vor. Mit großer Selbstverständlichkeit akzeptieren sie meist von der ersten Trainingseinheit an das Anders-Sein und das Besonders_Sein ihres Gegenübers.

BUCHTIPP

Mehr über unsere Zirkuspädagogik erfahrt ihr hier:

Tobias Braune-Krickau (Hrsg.):
Handbuch Kulturpädagogik für benachteiligte Jugendliche. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2013.
973 Seiten. ISBN 978-3-407-83178-1.

S.777 – 793: Zirkus Giovanni

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